Lob des Wirrwarrs

Alle die gleiche Sprache? Alle einig und kooperativ? Exzellente Zusammenarbeit bei einem großartigen Projekt?

In der Bibel wird das sehr negativ geschildert. Beim Turmbau zu Babel scheinen sich alle Voraussetzungen für erfolgreiches Teamwork, Synergieeffekte, kurze Wege, schnelle Absprachen und gute Arbeitsteilung zu einem erstaunlichen Weltwunder zu vereinigen – doch der Gott des Volkes Israel macht diesem Menschheitsprojekt einen Strich durch die Rechnung: „Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache!“ (Gen 11,1-9)

Warum eigentlich? Was hat Gott gegen den engen Zusammenhalt der Menschheit? Während man früher den Text so verstanden hat, dass Gott eifersüchtig darüber wacht, dass der Mensch nicht zu mächtig wird, blickt die heutige Bibelwissenschaft lieber auf die historische Situation des Volkes Israel: Ein mächtiges, einiges Volk, das der gesamten Menschheit die eigene Sprache aufzwingen wollte, um Mammutprojekte zur Verherrlichung der eigenen Macht zu realisieren – das hatten die Israeliten in ihrer Nachbarschaft, nämlich in Babel/Babylon. Und von deren Herrschaft hatten sie die Nase voll.

Der Gott, der in dieser Geschichte verwirrend eingreift, ist also derselbe Retter, der das Volk auch aus Ägypten befreit – auch da aus der Fremdherrschaft, aus der Zwangsarbeit.

Wirrwarr, Vielfalt, Unterschiedlichkeit – das scheinen für Gott keine Strafen zu sein, die er über die Menschheit verhängt, sondern Rettung vor der Gleichmacherei und der Unterdrückung.

An Pfingsten lesen wir den Gegentext: Der Geist überwindet den Wirrwarr der Sprachen. Aber er tut es nicht mit Gewalt und nicht mit der Gleichmacherei: Sondern jeder hört die Apostel in seiner eigenen Muttersprache reden (Apg 2,1-13). Die Vielfalt, das Wirrwarr bleibt erhalten. Der Geist stellt sich nicht für Herrschaftsinteressen zur Verfügung. Der Geist steht für die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit – und doch die Gleichwertigkeit aller Menschen.

http://www.pg-goldbach.de/spirituelles – Pfingsten 2017

Foto: Turmbau zu Babel – Wandmalerei in Tschenstochau (c) Andrzej Otrębski – wikimedia (CC by-sa-4.0)

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